Geschichte | Die 10f und die Kinder vom Bullenhuser Damm

Seit gestern Mittag ist die Gretel Bergmann Schule auch eine Art junges Museum. Die mobile Ausstellung „Die Kinder vom Bullenhuser Damm“ ist nun knapp zwei Wochen lang hier zu sehen. Gleichzeitig war die Veranstaltung Auftakt zur „Woche des Gedenkens“ in Bergedorf. Insofern waren auch einige „Offizielle“ in der Schulaula. Im Mittelpunkt aber standen die Schüler:innen der 10f und ihre Tutorin Jette Jungblut.

Cornelia Schmidt-Hoffmann spricht alle Namen aus, einzeln, nacheinander, alle zwanzig. Sie nennt das Alter. Kinder sind es, jüdische. Die Kinder vom Bullenhuser Damm. Alle grausam getötet in einer Aprilnacht 1945, kurz vor Kriegsende im Heizungskeller einer Schule in Rothenburgsort.

Schmidt-Hoffmann (SPD), seit wenigen Wochen neue Verwaltungschefin in Bergedorf, appelliert in ihrer Rede an unsere Schüler:innen, die Geschichte um die Kinder weiterzuerzählen und – ganz im Sinne von Esther Bejarano – als ihren Beitrag gegen das Vergessen, für eine tolerante Zukunft beizubehalten.

Schulleiterin Anja Oettinger hatte die Bezirksamtsleiterin eingeladen und freute sich, dass diese sich an diesem Montag Zeit für einen Besuch nahm. Interessiert hörte Schmidt-Hoffmann anschließend Schülerinnen der 10f zu, die an exemplarischen Schauwänden Hintergrundinformationen zu den Biografien der 20 Kinder referierten, so zum Beispiel zu den Angehörigen der Kinder.

Die Schüler:innen der 10f – und das ist das Besondere an der Ausstellung in der Gretel, die bis Mitte November nach Absprache für Einzelne, Gruppen oder Schulklassen zugänglich sein wird – sind die Experten und führen die Besucher erklärend durch die Ausstellung. Sie haben sich nicht nur im Rahmen der an der Gretel in der zehnten Klasse obligatorischen Projektwoche „Neuengamme“ mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinandergesetzt.

Sie haben sich nach dem Besuch der Gedenkstätte Bullenhuser Damm“ intensiv mit den Ereignissen und Schicksalen beschäftigt und sich sogar museumspädagogische Grundkenntnisse erarbeiteten. Sie sind es, die nun einige Wochen über die teure mobile Ausstellung wachen und diese gestern eigens für die Eröffnungsveranstaltung der Woche des Gedenkens in der Aula kuratierten.

So bekamen die Schüler:innen zu Recht viel Lob von Angelika Schmidt von der AG Gedenken. „Respekt, dass ihr das macht“! Schüler leiteten Erwachsene durch die Geschichte, besser ginge es nicht, so Schmidt. Auch Ruben Herzberg, Vorstandsmitglied der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm e.V., der in seinem auch persönlichen Beitrag auf weitere Gräueldimensionen der Nazis aufmerksam machte, lobte das Engagement der Schule und der Schüler. Nur über Dialog und Engagement würde Menschlichkeit über Unmenschlichkeit siegen, betonte Herzberg am Schluss.

Auch die die jungen „Museumspädagoginnen“ der 10f, Senanur, Leony, Samira und Sefanur, sehen in ihrer aktiven Beteiligung einen wichtigen Beitrag für Gegenwart und Zukunft. Der Tod der jüdischen Kinder sei nicht umsonst gewesen. "Wir jungen Leute wüssten jetzt, wie erbarmungslos das Nazi-Regime gewesen ist. Unsere Aufgabe ist es nun, in Zukunft Diktaturen, Antisemitismus, Rassismus und Gewaltverbrechen insbesondere gegen Kinder durch Aufklärung zu verhindern." Denn Erinnern sei auch Handeln, so der einhellige Tenor der vier.

Die einstündige Auftaktveranstaltung, die musikalisch wunderbar treffend von Marla (12c) am Flügel untermalt wurde, endete mit Jette Jungblut am Rednerpult. Die Tutorin der 10f, selbst Mitglied in der AG Gedenken, hatte die Idee, die Ausstellung an die Gretel zu holen und dabei ihre Schüler:innen zu Expert:innen zu schulen.

Jungblut ist beeindruckt von den Emotionen, der Empathie und dem Engagement ihrer Klasse. Die Kinderbiografien hätten einen besonderen Zugang ermöglicht, dem sich keiner entziehen könne. Die Gretel Bergmann Schule ist eine Schule gegen Rassismus und für Toleranz – eine Schule mit Courage. Insofern sei die Ausstellung Die Kinder vom Bullenhuser Dammhier genau richtig.

 

Die Ausstellung gastiert nun bis zum 12.1.21 in der Großen Gretel, dem Hauptstandort der Gretel Bergmann Schule in der Margit-Zinke-Straße, im Raum 204. Führungen durch die Schüler:innen der 10f nach vorheriger Anmeldung und Terminvereinbarung. Weitere Informationen und Anmeldemodalitäten auf unserer Info/Termine-Seite.

 

Hinweis: Ein Artikel zur Auftaktveranstaltung in der Gretel findet sich auch in der Bergedorfer Zeitung vom 2.11.21 (Titelblatt und S.12).

 

Nachtrag: Es erreichte uns heute ein Feedback von Ruben Herzberg (siehe Artikel oben) zur Veranstaltung. Dieses möchten wir gerne dem Artikel hinzufügen und uns bei Herrn Herzberg - selbst Lehrer a.D. - herzlich für seine beeindruckende Beteiligung gestern und die sehr positive Rückmeldung heute bedanken!

 

Feedback Herzberg am 2.11.21 per Mail

Liebe Frau Oettinger, liebe Frau Jungbluth, 

die schöne Veranstaltung zur Eröffnung der Ausstellung über die Kinder vom Bullenhuser Damm gestern bei Ihnen an der Gretel-Bergmann-Schule klingt noch in mir nach. Wie viel Mut Ihre Schülerinnen aufbringen mussten, um in so ungewohnter Atmosphäre ein so schweres und belastendes Thema öffentlich zu präsentieren, das hat mich sehr beeindruckt.

Wie viel pädagogische Kärrnerarbeit dahinter steckt, das weiß ich als Kollege sehr wohl einzuschätzen. In meinen Gesprächen mit den Schülerinnen und Schülern nach dem offiziellen Teil habe ich bemerkt, dass die Ausstellung und ihr Thema auch bei den Jungs, die sich im offiziellen Teil eher im Schneckenhaus sicherer fühlten, einiges bewegt. 

Ihr gesamtes Setting habe ich als sehr gelungen empfunden. Die lockere Anordnung von Sitz- und Stehmöglichkeiten hat zum Gelingen beigetragen, auch weil die Präsentationen einzelner Ausstellungsteile durch die Schülerinnen dadurch bruchlos möglich war. Und der musikalische Rahmen verdient eine besondere Hervorhebung. Ihrer jungen Pianistin Marla ist es durch die Auswahl der Musikstücke und durch ihre Interpretation gelungen, eine sehr passende Stimmung im Raum zu erzeugen. […]