Er wohnt in Bonn und ist hauptberuflich Angestellter des öffentlichen Dienst. Im nordrhein-westfälischen Rhein-Sieg-Kreis, einem der größten Verwaltungseinheiten Deutschlands, fahndet er im Auftrag der Behörden nach Menschen, die Wohlfahrts- und Sozialleistungen kriminell ausnutzen und missbrauchen. Ein Job, der eigentlich überflüssig sein sollte. Samuel Meffire macht ihn aber. Und er bringt eine umfassende Expertise mit, eine kriminalistische Ausbildung inklusive Berufserfahrung in Ost und West. Es gibt allerdings auch eine dunkle Zeit in seiner Biografie.
Sam, wie wir ihn nennen dürfen, tritt zum Kennenlernen sofort zugewandt auf. Ohne Murren quetscht er sich in einem Restaurant am Bergedorfer Serrahn in den hintersten Platz. Die fünfstündige Bahnfahrt von Bonn nach Bergedorf hat ihm offensichtlich nichts ausgemacht. Er freue sich auf ein ordentliches Schnitzel, sagt er. Dazu gibt es Rhabarberschorle. Offen plaudert er mit der Schulleiterin, der Bibliothekarin, einer Kollegin und dem PR-Tandem der Gretel-Bergmann-Schule, über sein Leben und das Leben allgemein, über Schule, über Gesellschaft, über dies und das. Seinen Salat rührt er nicht an.
Der folgende Tag ist Gretels Geburtstag. Die Gretel feiert ihre Gretel Bergmann, Namensgeberin der Schule und menschlicher Wegweiser für Fairness, Toleranz und Respekt an der Stadtteilschule. Sam Meffire ist seiner „Bettenburg“ in Nettelnburg bereits entstiegen und sitzt pünktlich um neun Uhr morgens vor rund 160 Zehntklässler - im Flur vor den Kunsträumen, an einem Tischchen. Er liest vor, er liest aus seinem Buch vor. Viele bunte Textmarkierungen sind zu sehen. Seine Stimme ist sonor, beruhigend. Plötzlich wird sie laut, dröhnend, passend zur Situation in seiner Biografie: Ich, ein Sachse – mein deutsch-deutsches Leben, die 2023 erschienen ist.
Es ist eine Biografie voller Absurdität. Der Untertitel ist platt, aber treffend: „Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte“. Jeder der mag, googelt nun, um alles darüber herauszufinden. Hier folgen nur einige kurze und willkürliche „Bio-Fakten des Samuel Meffire:
1970 in DDR geboren. Sohn einer deutschen Mutter und einem Ingenieur aus dem “Bruderland” Kamerun. Erster schwarzer Polizist der Volkspolizei. Spitzensportler. Werbestar nach der Wende. Arbeit in Kripo-Sonderkommission. Frust. Gescheiterte Selbstständigkeit. Kontakt zum Milieu. Abstieg in Raub und Mord. Flucht in den Kongo. Bürgerkrieg. Reue, Rückkehr und Urteil. Sieben Jahre Knast, lange in Isolationshaft. Schreiben als Antwort. Gedichte, Deutschrap. Resozialisierung, Arbeit mit jugendlichen „Systembrechern“. gute Kontakte, Disney+ und dann die Biografie. Seriöse, soziale Jobs. Verheiratet, drei Kinder, einen Sohn (37), zwei Töchter (9 und fast 14). Peng.
Die Schülerinnen und Schüler verfolgen seine Lesung gebannt, doch Sam will lieber direkt mit ihnen sprechen. Er stellt sich auf. Seine Ansprache ist stimmig, das motiviert die Jugendlichen, Fragen zu stellen. Die Idee, sein Leben biografisch zu bearbeiten, sei in einem „Moment geistiger Umnachtung“ entstanden, so Meffire, es wäre eine Deep-Therapy ohne Therapeuten gewesen, keinesfalls zu empfehlen. Ob er Dinge bereue? Natürlich, sagt er.
Manchmal stutzt er. Es zeigt, alles ist noch nicht verarbeitet. Es gibt noch dunkle Stellen. Das ist normal, sagt er. Nicht normal sei es, dass unsere scheinbar so starke Gesellschaftsmitte nicht in der Lage ist, „ihren Scheiß“ zu lösen und damit der AfD in die Hände spiele. „Höcke braucht nur zu warten.“ Meffire macht sich Sorgen um sein Heimatland.
Für die Schüler läuft gegen Ende noch der Trailer zu Sam, ein Sachse. Die von Disney+ 2023 releaste und sehenswerte Miniserie über das Leben von Sam, der von Malik Bauer, so Meffire, „super“ gespielt würde, erhielt 2024 den Grimme-Preis. Nochmal ein kurzes Durchatmen der Schüler vor den Kunsträumen. Ein Serienstar, puh, und so normal. Sam Meffire verabschiedet die Kids individuell mit Handschlag. „Ciao, danke!“, sagt er, den freundlichen Blick dabei fest auf den jungen Menschen gerichtet. Mach etwas Gutes aus deinem Leben, scheint die stille Botschaft zu sein.
„Gebt mir Kekse und ich mache fast alles.“ Nach zwei Lesungsdurchgängen, es ist zwölf Uhr, ist Sam anschließend bereit für Interviews in der Bibliothek. Nein, keinen Salat aus er Schulkantine, auf keinen Fall! Kekse! Und einen Kaffee, bitte. Fatima, Sophia und Maria, alle aus der 10a, haben akribisch einen langen Fragekatalog vorbereitet. Jede „Todesfrage“ nimmt Meffire lächelnd bis nachdenklich entgegen. Er lässt sich auf alles ein, erzählt bereitwillig über Flucht, Knast, Hamburg-Aufenthalte (Santa Fu, Dulsberg), seine sozialen Projekte, seine Kinder. Auch dem professionellen Reporter der Bergedorfer Zeitung steht er nach den Schülerinnen noch für etliche Fragen zur Verfügung.
Es ist nach zwei Uhr. Noch ein Keks für unterwegs. Rucksack auf. Sam verabschiedet herzlich sich von der kleinen Kollegenrunde, alle werden umarmt und gedrückt. Man hat das Gefühl, man kenne sich schon länger, jetzt endete halt eine Stippvisite von Sam in Hamburg. Tschüss, gute Heimfahrt, bis bald mal wieder.
Zusammenfassende Personenbeschreibung Sam Meffire im Kriminolgenstyle: durchtrainierter Mitfünfziger, einmeterneunzig, Kopfhaare fehlen, aufmerksam, multiinteressiert, freundlich, höflich, bescheiden und empathisch, Familienvater, Angestellter im öffentlichen Dienst. Jemand, mit dem man gerne mal eine Suppe löffelt. Danke für deinen Besuch an der Gretel, Sam!
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