Beginnen wir mit dem Ritual. Den Geburtstag von Gretel Bergmann, der Namensgeberin der Schule, feiert die Gretel immer mit einem besonderen Tag im April. Die Schülerinnen und Schüler erwartet dann kein Regelunterricht, keine Mathe, kein Spanisch. Stattdessen wird es thematisch. Zum Kern der Gretel-Bergmann-Schule gehören klare Statements für soziale Vielfalt, für Buntheit, Toleranz und Respekt sowie klare Kanten gegen jegliche Spielarten von Intoleranz, Hass und Rassismus.
Am vergangenen Donnerstag (23.4.26) war es wieder soweit. Die Gretel feierte die Gretel, die am 12.4. 114 Jahre alt geworden wäre mit einem großartigen Programm, das dieses Jahr gleich zwei Schwerpunkte besaß. Soziales Engagement der Kids ist Standardteil. Unsere Schülerinnen und Schüler lernen, Verantwortung zu übernehmen und durch solidarische Aktivitäten unsere Gesellschaft mitzugestalten. Vorlesen im Altenheim ist eine gern von Klassen übernommene Option. Eine andere ist die Säuberung von Stolpersteinen. Im Nahbereich der Schule gehört aber auch die Aktion „Hamburg räumt auf“ dazu, die zur vergnüglichen Challenge werden kann, wie am Donnerstag im Jahrgang 7.
Der Jahrgang 8 durfte kreativ mit den Themen Solidarität, Respekt und Vielfalt umgehen. Die Challenge lautete hier: Wer setzt diese gesellschaftlichen Herausforderungen am besten ins Bild? Die Ergebnisse waren nicht nur beeindruckend, es wurden durch diese flächendeckende Aktion auch wieder junge Kunsttalente entdeckt. Etwas entdecken konnten auch die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler. Soziale Ungleichheit ist vielfältig in ihrer Ausprägung und nicht immer auch offensichtlich – eine Rollenübernahme im Walk of Privilege, Reflexion, Analyse, Einordnung und innerer Monolog führten beispielsweise die Kids der 9g zu vielen neuen Erkenntnissen. Sie hätten nicht gedacht, dass es so viele Formen von Diskriminierung gebe.
Und die restlichen Jahrgänge? Gut, die 13er müssen für ihr Abi lernen, waren raus. Für die Jahrgänge 5, 6, 10, 11 und 12 gab an Gretels Geburtstag aber ein Programm, das es in sich hatte. Der 23. April war gleichzeitig der Internationale Tag des Buches. Grund genug für unsere Bibliothekarin Sonja Hahlbrock nach inhaltlich passenden Autorinnen und Autoren Ausschau zu halten - mit großem Erfolg. Kinderbuchautor Benjamin Tienti kam ebenso morgens aus Berlin angereist wie die erfolgreiche Autorin und Journalistin Josephine Apraku. Sie boten den Schülerinnen und Schülern – ebenso wie Bestsellerautor Samuel Meffire, über den es einen gesonderten Artikel gibt – Lesung, Dialog, Diskussion, Erkenntnisgewinn.
„Warum Ronaldo?“ fragt ein Schüler Benjamin Tienti, sobald dieser auf der Bühne der Aula der Kleinen Gretel Platz genommen hat. Erstmal möchte der Berliner Lehrer und Kinderbuchautor die Klassen 5a, 5b, 6c und 6e jedoch begrüßen und Fragen an sie richten.
„Wer wohnt in einem Einfamilienhaus?“ Wenige Hände gehen hoch. „Wer wohnt in einer Wohnung?“ Viele Hände gehen hoch. „Wer hat ein eigenes Zimmer?“ Ein paar Hände gehen hoch. „Wer teilt sich ein Zimmer?“ Mehr Hände gehen hoch. Anschließend liest er den ersten Satz aus seinem Kinderkrimi Wer schnappt Ronaldo? „Bei mir zuhause bist du allerhöchstens zum Kacken allein.“
Von da an hören die Kinder aufmerksam zu, wie genervt die Hauptfigur Nivin von ihrer Familie ist, da auch sie sich ein Zimmer mit ihren Geschwistern teilen muss. Auf der Suche nach Ruhe landet sie in einer Kleingartensiedlung und entdeckt dort ein verlockendes Angebot: Ein Chamäleon namens Ronaldo ist verschwunden und wer es findet, erhält einen Finderlohn von 5000 Euro. Nivins Interesse ist direkt geweckt, denn mit dem Geld könnte sie sich endlich ein eigenes Zimmer leisten. Auch das Interesse der vier Klassen ist geweckt und sie sind gespannt, wie Nivins Suche nach Ronaldo durch den Großstadtdschungel Berlin beginnt.
Am Ende der Lesung stellen sie Benjamin Tienti Fragen, beispielsweise wie man ein Buch schreibt, wie lange sowas dauert und wie viel man damit verdient… (Kann man sich davon eigentlich ein eigenes Zimmer leisten?) Auch die Frage, warum das Chamäleon Ronaldo heißt, wird endlich beantwortet: Weil Tienti den Namen für ein Chamäleon sehr passend findet und außerdem hofft, dass so auch Jungs Lust haben, sein Buch zu lesen. Eine Frage bleibt jedoch offen: Wer schnappt Ronaldo?
Ortswechsel. Das KulturA, immanent wichtiger öffentlicher Veranstaltungsort im Quartier Neuallermöhe, ganz in der Nähe der Kleinen Gretel. Rund 80 Jungerwachsene hängen förmlich an Josephine Aprakus Lippen. Sie liest von der Bühne aus aus ihrem Buch Kluft und Liebe. Ein scheinbar verliebtes Pärchen tauscht die entsprechenden Floskeln aus: „Dass ich dich liebe, weiß ich längst.“
Anschließend fragt sie das Auditorium, wie das sich denn die handelnden Personen vorstelle? Das Pärchen sei weiß, antworten übereinstimmend die Schüler und damit bekommt Apraku ihren inhaltlichen Ansatz für den nachfolgenden Dialog. Zuschreibungen seien an Macht und Ausgrenzung geknüpft, so die Autorin, die den Lernenden aus der Oberstufe aufzeigt, dass schablonenhafte Einstellungen wunderbare Ausblicke verbauen, Offenheit und Toleranz dagegen über ethnische und religiöse Grenzen hinaus wahre Brückenbauer sein können.
Gretels Geburtstag, der traditionelle Thementag im April, verging bei dem intensiven Programm schließlich wie im Fluge. Am Ende gingen die Kids mit einem spürbaren Zugewinn nach Hause. Sie kennen neue Begriffe, können diese mit Inhalten verknüpfen, sammelten Erfahrungen – oder aktiv Müll, und taten damit Gutes für die Gemeinschaft.
Sie lernten Menschen kennen, die ihre Lebenserfahrungen oder ihre Fantasie in Bücher steckten und vor allem eines wollten: mit den jungen Menschen, die ihnen gegenübersaßen, ins Gespräch kommen, sie animieren und sie inspirieren. An den Reaktionen der Schülerinnen und Schüler war ablesbar, dass es gelang. Ein eindrucksvoller Geburtstag!
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