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Eine Zeitreise zu Gretel Bergmann

Bei der Namensgeberin unserer Schule handelt es sich um eine in den 1930er Jahren weltberühmte deutsche Sportlerin jüdischen Glaubens. Ihr Name steht für Toleranz, Verständigung und Respekt zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen, Kulturen und Nationalitäten. Weil sich die Schule diesen Werten verpflichtet fühlt, ist sie stolz, so zu heißen. Sie war 103 Jahre alt, als sie am 25. Juli 2017 in ihrer "zweiten Heimat", den USA, in einem New Yorker Vorort starb.

In unserer Phantasie unternehmen wir eine fiktive Zeitreise zu Gretel Bergmann, die bis zu ihrem Tod Margret Lambert hieß. Wir kommen, vom langen Flug erschöpft, am JFK-Airport in New York an. Ob sich Mrs. Lambert auf uns einlässt?

GB: Aber gern doch! Für meine Schule bin ich da.

Wir: Erzählen Sie uns bitte von früher. Woher stammen Sie?

GB: Mein Vater war Industrieller in Schwaben, wo ich 1914 geboren wurde. Wir sind eine jüdische Familie.

Wir: Sind Sie gern zur Schule gegangen?

GB: Oh nein! Die Grundschule habe ich gehasst, weil sie mir meine Freiheit geraubt hat. Viele meiner Lehrer waren trunksüchtig, sadistisch oder schlicht inkompetent, so dass ich fast nichts gelernt habe. Später wollte ich mir nicht das Hirn mit höherer Mathematik, Physik und Chemie vollstopfen. Und Sportunterricht gab es an meinen Schulen nie.

Wir: Haben Sie früh mit dem Sport angefangen?

GB: Ja, schon als Kind wurde ich Mitglied im Sportverein unserer Stadt und hatte dort viele Freundinnen. Ich habe geturnt, aber am meisten reizte mich das Springen. Das konnte ich auch am besten. Mit 17 Jahren habe ich einen deutschen Rekord im Hochsprung aufgestellt.

Wir: Wie haben Sie reagiert, als die Nazis 1933 an die Macht kamen?

GB: Das war ganz schlimm. Ich hatte große Angst vor ihnen. Adolf Hitler hat ja immer die Juden als den Ursprung allen Übels dargestellt. Das konnte nicht gutgehen. Und schon kurz, nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, bin ich wegen meiner jüdischen Herkunft im April 1933 aus meinem Sportverein ausgeschlossen worden. Deshalb bin ich schon 1933 nach England gegangen. Stellt euch vor, mit 19 Jahren!

Wir: Haben Sie dort weiter Sport getrieben?

GB: Aber sicher, davon konnte ich nicht lassen. Das war mein Leben. Ich bin 1934 sogar britische Meisterin geworden – als Deutsche!

Wir: Wie kam es dann, dass Sie 1936 wieder in Deutschland waren?

GB: Ach wisst ihr, die Nazis waren böse Menschen. Sie haben mich dazu gezwungen, wieder zurückzukehren, obwohl ich es nicht wollte, weil ich Angst hatte. Sie wollten doch so viele Goldmedaillen gewinnen wie möglich bei ihren eigenen Olympischen Spielen in Berlin. Ich hatte ja gerade zuvor den neuen Weltrekord von 1,60 Metern aufgestellt. Außerdem wollten sie der Welt zeigen, dass Deutschland ein tolerantes und weltoffenes Land ist, das sogar Juden in seine Olympiamannschaft aufnimmt.  Sie haben mir einfach damit gedroht, dass sie meiner Familie etwas antun, zum Beispiel, dass sie meinem Vater die Fabrik wegnehmen, die er als Jude ja eigentlich sowieso nicht leiten durfte. Also bin ich gefolgt.

Wir: Haben Sie denn die Goldmedaille gewonnen?

GB: Ach was! Ich hatte das Trainingslager gut hinter mich gebracht, aber kurz vor den Spielen erhielt ich einen Brief, dass ich doch nicht teilnehmen dürfe, weil ich nicht genügend in Form sei. Das war völliger Unsinn – ich war beim Training immer die Beste gewesen. Stattdessen haben sie Dora Rathjen hingeschickt. Aber ich wusste, dass sie ein Mann war, was mich sehr verärgert hat. Ich hörte dann, dass die Nazis im Ausland verkündet hatten, ich sei verletzt und könne deshalb nicht starten. Sie hatten nämlich Angst vor der Reaktion der Amerikaner, die gefordert hatten, dass auf jeden Fall auch Juden teilnehmen mussten.

Wir Und was haben Sie dann getan?

GB: Ich war wütend und verzweifelt. In diesem Land fühlte ich mich nicht mehr wohl und sicher. Also bin ich 1937 in die USA geflohen. Es floh dann auch noch ein Arzt mit Namen Bruno Lambert, der ebenfalls aus Deutschland wegwollte. Mit ihm bin ich dann in New York zusammengekommen. Wir haben uns sehr geliebt und 1937 geheiratet. Später bekamen wir einen Sohn. Weil ich Deutschland hinter mir lassen wollte, habe ich auch meinen Vornamen geändert. Lambert war jetzt mein neuer Familienname und aus Gretel wurde Margret. Mein Mann und ich leben noch heute zusammen in New York im Stadtteil Queens. Zusammen sind wir über 200 Jahre alt, ich habe am 12. April 2012 meinen 98. Geburtstag gefeiert.

Wir:  War es denn in den USA mit dem Sport vorbei?

GB: Nein nein. Ich bin weiter gesprungen und habe die Kugel gestoßen. Ich bin in beiden Disziplinen sogar US-Meisterin geworden.

Wir: Wann haben Sie mit dem Sport aufgehört?

GB: 1939, nachdem Deutschland den Krieg begonnen hatte. 1942 wurde ich Amerikanerin.

Wir: Waren Sie danach noch einmal in Deutschland?

Wir: Ja, viele Jahrzehnte später. Ich habe meine Heimat besucht und konnte feststellen, dass man Sporthallen nach mir benannt hat. Das hat mich gefreut, aber besonders riesig war die Freude, als ich im Jahr 2011 erfuhr, dass in Hamburg eine Schule meinen Namen bekommen hat. Darüber war ich gerührt, aber auch stolz. Ich habe eurem Schulleiter gleich eine Mail geschickt, in der ich mich bedankt habe. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch noch einmal festhalten, dass ich keinen Groll gegen die Deutschen von heute hege. Ich weiß, dass ihr anständige, friedliche und demokratische Menschen seid. Wenn ich euch noch als Nazis betrachten würde, mit denen ich nicht rede, dann wäre ich nicht besser als diese. Und wunderbar war es auch, als eure Schule mir 2012 und 2013 zu meinen Geburtstagen einen herrlichen Blumenstrauß geschickt hat. Danke noch einmal dafür!

Wir: Hätten Sie Lust, “Ihre” Schule einmal zu besuchen?

GB: Oh, das schaffe ich in meinem Alter nicht mehr. Aber es war sehr schön für mich, im Herbst 2012 euren Schulleiter, Mr. Martens, bei mir zu Hause zu empfangen. Ich habe ihm Cookies gebacken, die ihm hoffentlich geschmeckt haben.

Wir: Wir bedanken uns sehr für diese interessante Zeitreise. Sie haben uns wirklich viel aus Ihrem Leben erzählt, worüber wir uns sehr freuen. Goodbye, Mrs. Lambert, and best wishes!

 

Ein Nachwort zu diesem erdachten, mit Original-Zitaten angereicherten Gespräch:

Am 12. April 2013, dem 99. Geburtstag Margret Lamberts, fand die Preisverleihung anlässlich des großen Gretel-Bergmann-Quiz der Schule statt. Es gab wertvolle Preise. Die Schülerin Sezen Yilmaz gewann für ihre gesamte Klasse 6d den Hauptpreis. Herzlichen Glückwunsch! Wir werden Mrs. Lambert den Film sowie Fotos von dieser Veranstaltung zuschicken, um ihr unsere Verbundenheit mit ihr zu zeigen.